Greed works. Really, though?


Michael Douglas als Gordon Gekko in "Wall Street": Großzügigkeit und Corporate Social Responsibility statt Unternehmertum und Geiz

Vor einiger Zeit sprach mich ein Kollege anlässlich einer Festivität auf mein Outfit an. Dezent zwar, aber in der Sache doch überzeugt, lässt er mich wissen, der Gentleman’s Guide sehe keine weißen Kragen bzw. Manschetten an nicht-weißen Hemden vor. Ich hatte ein solches in Flieder und mit weißem Kontrastkragen plus -manschette mit einem grauen Nadelstreifenanzug kombiniert. Farbige Akzente bei Schuhen, Gürtel und Krawatte taten das ihrige zu einem Auftritt, den man im Englischen vielleicht als „gonzo“ bezeichnen würde. Sofort muss ich an Michael Douglas denken, der als Gordon Gekko in „Wall Street“ nicht eben als der sympathische Unternehmerkollege in die Filmgeschichte einging.


Waren weiße Kragen also mit unsympathischen, arroganten, gierigen Typen zu assoziieren? War ich, ohne es zu ahnen, einem Styling-No Go im Business Dress Code aufgesessen? Vermutlich nicht – doch der Reihe nach.


Welcher Gentleman's Guide?


Zunächst ist festzustellen, dass es DEN Gentleman’s Guide gar nicht gibt. Eine schnelle Online-Recherche ergibt eine Reihe von Magazinen, die etwas von Substanz zu diesem Thema zu sagen haben. Ausgerechnet das tatsächlich „Gentleman’s Guide“ benannte Online-Magazin liefert diesbezüglich zunächst leider keine Hilfe. Die Gentleman’s Gazette bietet hier mehr, bei ihr findet sich folgende Einschätzung zum Kontrastkragen: „It elevates a shirt‘s formality and makes it more business appropriate.“ Noch deutlicher wird Forbes: „Today, the contrast-collar shirt (which typically comes with a matching French cuff) doesn't so much represent greed as it does a timeless elegance.“ Also, auch hier keine unangenehmen Assoziationen, eher im Gegenteil.


Natürlich könnte die kollegiale Einschätzung vom wörtlichen Ursprung des Kleidungsstücks (oder besser: dem seines Accessoires) herrühren. Schließlich waren white collar workers diejenigen, die den Management-Teil der Arbeit bestritten, während blue collar workers, also Arbeiter in Blaumännern, die körperliche Arbeit verrichteten.


Ein kurioser Eindruck


Aber abgesehen davon, dass dies heute wohl für kaum mehr als eine historische Anekdote gut sein dürfte, taugt es jedenfalls nicht als Erklärung für die Software- und Medizintechnik-Branche des Kollegen, in der das eine vom anderen kaum noch zu trennen ist. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass der Kollege einfach selbst keine besondere Vorliebe für diese Kombination von Hemd und Kragen hegt, vielleicht sogar seit Gordon Gekko.


Dazu kommt, dass die Vorzüglichkeit dieser Art des Halsschmuckes in der Wahrnehmung des Autors seit Gekko auch nicht eben häufig hervorgehoben wurde. Und natürlich machen Kleider Leute. So verwundert es nicht, dass dieser Eindruck wohl der letzte ist, der vom weißen Kontrastkragen hängengeblieben ist.


„Greed is good. Greed is right. Greed works.” - Echt jetzt?


Im weiteren Sinne dessen, was sich mit dem, das Leute tun, assoziieren lässt, sei Aditya Chakrabortty vom britischen Guardian zitiert. Dieser wies anlässlich der Fortsetzung des berühmten Broker-Films 2012 darauf hin, dass nicht nur Personen mit Kleidung assoziiert würden. Auch die gesellschaftlichen Umstände, in denen diese Personen agieren und die diese mitgestalten, ließen sich mit Kleidung assoziieren. So weit so einverstanden. Diese Umstände nun, so Chakrabortty, hätten sich insbesondere im Finanzsektor drastisch verändert: mehr und höhere Boni, weniger Gewissen, usw… Auch dieses Lamento ist längst gesellschaftlicher Konsens geworden. Das erstaunliche aber sei, dass Gekko heute gerade deswegen, und nicht etwa wegen seines Kragens, eben nicht mehr als auffälliger Sonderling auftauche, der „Greed works“ zum Mantra erhebe. Vielmehr sei er gemeinsam mit diesem Mantra zur Norm geworden. Mit anderen Worten: den weißen Kontrastkragen zählen wir deswegen nicht mehr zum bevorzugten Stil, weil die, die ihn tragen, heute noch viel schlimmer geworden sind? Auweia.


Mehr denn je schreit diese Sicht der Dinge nach einem Revival des weißen Kontrastkragens. Und zwar an Personen, denen „Geiz ist geil“ schon immer merkwürdig vorkam. Personen, die mit Corporate (Social) Responsibility mehr anfangen können als mit Corporate Greed. An Personen wie mir.


Prominente Unterstützung aus der Popkultur


Ich bin nicht allein: ausgerechnet Patrick Fabian, den ich mit Aufkommen von „Better Call Saul“ bereits als modernen Nachfolger des Gordon Gekko einsortiert hatte, steht mir bei. Fabian porträtiert in dem Breaking Bad-Spin Off den Anwalt Howard Hamlin, der grundsätzlich mit weißem Kontrastkragen erscheint und zwei Staffeln lang nicht eben durch übertriebene Fürsorge auffällt. In der dritten Staffel ändert sich das zusehends, bis er im Finale dann (Achtung: Spoiler-Warnung!) das Unerwartete tut: in einer seltenen Geste der kaufmännischen Aufrichtigkeit bezahlt er seinen Geschäftspartner Charles McGill aus seiner eigenen Tasche aus. Dieser hatte um Cash-Out seiner Anteile in Höhe von immerhin 9 Mio. $ gebeten und das Unternehmen verlassen wollen. Allerdings hatte er sich Hamlins Reaktion offenbar anders vorgestellt, da er das gemeinsame Unternehmen in Schieflage wusste.


Spätestens damit gibt es mindestens einen anderen, auf den sich Gleichgesinnte beziehen können, um das Ansehen farbiger Hemden mit weißem Kontrastkragen wiederherzustellen. Für eine Unternehmerkultur, die nicht Gier sondern Großzügigkeit in den Vordergrund stellt, werde ich meine Garderobe wohl noch um einige Exemplare aufstocken. Vince Gilligan, der neben Breaking Bad auch mitverantwortlich für Akte-X gewesen ist, brachte die betreffende „Better Call Saul“-Folge 2017 übrigens in dem Jahr, in dem der erste Wall Street-Film sein 30jähriges Jubiläum feiert. Zufall?



Photo by 20th Century Fox/Photofest, via the NY Times

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